Eine blaue Insel in der Steppe

Erschienen in ,DIE FURCHE‘ 35/2013

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Afghanistan ist ein Land, das die wenigsten Europäer kennen, obwohl es - vielleicht durch die Ferne - eine große Faszination ausübt. Die prominente italienische Journalistin Maria Grazia Cutuli (sie war Korrespondentin des Mailänder Corriere della Sera) wurde 2001 in Afghanistan von einer Gruppe von bewaffneten Räubern die ihren Konvoy angriffen, ermordet. Nach diesem tragischen Ereignis gründete ihre Familie die Maria Grazia Cutuli Foundation, mit der Absicht, soziale und erzieherische Programme für Kinder und Frauen zu unterstützen. Die Foundation sollte in allen Ländern, die von Krieg oder Katastrophen verwüstet waren, aber speziell in Afghanistan helfen. Die Erforschung innovativer Erziehungsräume und - formen als eine Alternative zu den üblichen Nachkriegsmodellen des Wiederaufbaues war einer der Hauptpunkte des Projektes, genauso wie die Gestaltung des Außenraumes als ‚grüner Klassenraum‘ und der Versuch, hauptsächlich mit örtlichen Materialien und Techniken zu arbeiten.

Die Schule, die nun im Andenken an die Journalistin errichtet wurde, war von einem Team von drei in Rom ansässigen Firmen - 2A+P/A, IaN+, ma0 - und dem Bruder der Ermordeten, Mario Cutuli, entwickelt worden. Sie steht in Kush Rod im Injil Distrikt, Herat, Afghanistan und repräsentiert einen alternativen Zugang zum Schulbau in vom Krieg geplagten Gebieten. Sie steht auch auf der sogenannten ‚Shortlist‘ der für den renommierten ‚Aga Khan Preis 2013‘ nominierten Projekte. Wie ein kleines Dorf zeigt sie ein ungeplantes Gegenüber- oder Aneinanderstellen von Baukörpern und Elementen, umschlossen von einer hohen Mauer wie ein Schutzwall. Sie beherbergt 8 Klassenräume, verschiedene Bereiche für das Lehrpersonal und eine zweigeschossige Bibliothek, die für den ganzen Ort zugänglich ist. Der Garten innerhalb der Umgrenzungsmauer fungiert als ‚grüner Klassenraum‘. Gebaut aus Stahlbetonrahmen mit einer Vormauerung aus Ziegeln, wurden die Mauern angemalt statt verputzt um Kosten zu sparen. Die Wände changieren in verschiedenen Blautönen in Anlehnung an das Lapislazuli-Pigment, das in den lokalen Töpferbetrieben verwendet wird. Das sowohl für die kleinen hausförmigen Klassen wie auch für die Umgebungsmauer verwendete Blau, schafft für die Umgebung ein sichtbares Zeichen, ein Wahrzeichen für den Ort. Die Rahmen der Fenster, die in ihrer Größe durch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Ventilation und Tageslicht bestimmt sind, strahlen in einem kontrastierenden Rot. 
Nach der Grundsteinlegung startete das Projekt sehr schnell, und die afghanischen Arbeiter führten alle Pläne exakt, wenn auch mit eigenen Methoden aus. Im Gegensatz zu Europa, wo zuerst die Strukturen und dann die ausfachenden Wände errichtet werden, baute man alles zugleich: Fundamente, Säulen, Wände und erst am Schluss die tragenden Träger und das Dach. Der Bauprozess erinnerte ein bisschen an den Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg. Sämtliche Materialien und auch die angewandten Baumethoden und Techniken wurden nach den örtlichen, traditionellen Gegebenheiten ausgerichtet. Die Architektur befindet sich auf einem sehr trockenen Boden mit einer charakteristischen braunen Erdfarbe. Nur wenige Bauten ragen aus diesem staubigen, flachen Territorium in die Höhe, umgeben von Schutzmauern. So wirkt auch die Schule wie eine fröhliche, blaue Insel vor dem Hintergrund des dunklen Hindukushmassivs. Die Kosten des Projektes belaufen sich auf die unglaublich niedrige Summe von 150.000 Euro, inklusive der Gartengestaltung. Die Maria Grazia Cutuli Foundation hatte alle Kosten übernommen. Die italienische Tageszeitung Corriere della Sera wird 50 Computer spendieren und die Provinzverwaltung von Katanien garantierte die Realisierung und Betreuung des Grünraumes. Alle benötigten Farben wurden von der Farbfabrik Coloroficio San Marco in Venedig gestiftet.

William Knaack