Architektur als Geisel der Immobilienbranche?

Erschienen in ,DIE FURCHE‘ 10/2014

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Anscheinend ist die Architektur (mit oder ohne Architekten) in Wien an ihrem Ende angelangt. Anders lässt sich der Ablauf und Inhalt der Pressekonferenz, anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse des Wettbewerbes für das VIC (Vienna InterContinental) und den WEV (Wiener Eislaufverein) nicht deuten. 

Die Geschichte des jahrelangen Tauziehens um eine mögliche Verbauung, Neugestaltung, Volumensverdichtung (oder wie auch immer man es nennen mag) des Geländes, hat vorige Woche einen neuen Höhepunkt gefunden. Am 27. Februar wurde im VIC von der Wertinvest (100-prozentige Tochter der Global Equity Partners-Gruppe der auch das Areal des InterContinental Hotel gehört) das Ergebnis des Wettbewerbes vorgestellt. Der Saal (ohne Analogie zum Boot) war voll, zahlreiche Vertreter der wichtigsten Tages- und Wochenzeitungen sowie der meisten Architekturmagazine drängten sich, zusammen mit einer Großzahl von betroffenen Anrainern, in Raum. Es soll jetzt hier keine Darstellung oder Bewertung des Siegerprojektes vorgenommen werden, sondern es geht um die völlig undemokratische und intransparente Art, wie in Wien über die Köpfe der Beteiligten hinweg, Architekturprojekte entschieden und wie sie ‚durchgedrückt‘ werden.
Allein die Tatsache, dass nach jahrelangen Bemühungen der Anrainer, der Architektenschaft und der Zivilgesellschaft, bei dem jetzigen Siegerprojekt keinerlei Verbesserung oder Weiterentwicklung gegenüber dem - von der Fachwelt stark kritisierten - sogenannten ‚Leitprojekt‘ zu erkennen ist, stimmt bedenklich. Die vom Investor gewünschten Volumina sind keinen Millimeter kleiner geworden: maximale Ausnützung bringt maximalen Gewinn. Wozu dann das Alles? Wenn man den geistlosen, 73 Meter hohen, annähernd quadratischen Neubauturm hinter der Hotelscheibe (die auch verlängert und erhöht wird) sieht, denkt man unwillkürlich an die schlimmste Ausprägung sozialistischer Architektur in den ehemaligen Ostländern der Nachkriegszeit: Ein Turm aus Matador-Klötzen, allerdings nur mit zwei verschiedenen Arten von Bauteilen gestaltet (Loch oder Nicht-Loch). Wie dieses Siegerprojekt des brasilianischen Architekten Isay Weinfeld, die ‚Moderne‘ nach Wien bringt (wie in einer Tageszeitung zu lesen war), ist mir schleierhaft. Sind wir soweit hinten in Wien? Die Aussage des Juryvorsitzenden Markus Allmann sagt mehr als 1000 Worte: „Man wird erst auf den zweiten Blick erkennen, dass es sich bei diesem Projekt um einen Neubau handelt.“ Eine Demaskierung der Bedeutungslosigkeit an einem neuralgischen Punkt der urbanen Landschaft Wiens. Auch sämtliche andere Projekte der Architekten sind enttäuschend visionslos. Ein internationaler Wettbewerb mit diesen, solchen Ergebnissen lässt nichts Gutes ahnen: Ist die Architektur zum Erfüllungsgehilfen der Gewinnmaximierung, Profitsteigerung, Geldvermehrung geworden? Wer bestimmt heute über Qualität in der Architektur? Sind die Architekten die Geiseln der Immobilienbranche?
Ich war immer der Ansicht, dass Architektur ein Spiegel unserer Gesellschaft ist, dass sich Prozesse der Sozietäten, der Politik wie auch der Allgemeinheit in der Architektur widerspiegeln, sozusagen als Zeichen und Ausdruck der Zeit und auch der Kultur. Es kommt einer Bankrotterklärung gleich, wenn man hört, wie sich die Vertreter der Stadt Wien freuen, nichts beitragen zu müssen, weil der Investor ihnen ein Zuckerl - in Form eines unbelichteten, unterirdischen Turnsaals für das gegenüberliegende Akademische Gymnasium (das übrigens ohnehin einen eigenen hat), finanziert. Ebenso ein ebenfalls unterirdisches Schwimmbecken mit Kavernencharakter. Die Verantwortung für eine Stadt, für eine lebenswerte Umwelt wird da gleich an der Garderobe abgegeben. Mit einer Unverfrorenheit wird über Bestimmungen und Richtlinien des Weltkulturerbes hinweggegangen: Die Icomos, die die Interessen der Unesco vertritt, spricht sich dezidiert gegen ein Hochhaus in diesem Weltkulturerbekernbereich aus. Doch: „Die Icomos war von Anfang an ins Projekt eingebunden“, sagt Tojner (CEO der Wertinvest), „ich gehe also davon aus, dass die weiteren Gespräche fruchten werden (sic!).“ Irgendwann werden die auch aufgeben, es findet sich schon ein Passus, eine hilfreiche Hand, die die nötigen Türen öffnet - und auf einmal ist die Baugenehmigung da. Es ist legitim, dass ein Investor sein Projekt verkaufen will. Auch dass er sich dazu unterstützende Stimmen der Politik und Fachleute aus der Architekturszene holt. Aber die Vorgangsweise, bei einer Pressekonferenz, im Saal anwesenden Beteiligten einfach das Wort zu verbieten, oder sie abzuwürgen (wie es die Geschäftsführerin der Wertinvest am Podium, Daniela Enzi mehrmals in aggressiver Weise tat), ist schlicht undemokratisch und erinnert an den Kommunismus. Ihre Begründung, „Das ist eine Pressekonferenz, heute sprechen nur die Journalisten“, zeigt, welcher Geist in dieser Branche herrscht. Und manche Journalisten und Architekturkritiker nehmen als Hauptakteure in diesem schlechten Spiel die Logenplätze ein. Denn sie schweigen, tippen (maximal beschreibende) Pressetexte im Sinne des Roboterjournalismus ab und die Anschlagshonorare der Redaktionen sind ihnen wichtiger, als eine eigene, vielleicht sogar persönliche Stellungnahme. 

Doch wer hier schweigt, macht sich mitschuldig!

William Knaack