TORRE DE DAVID

„Less stupid Citys“ statt „Smart Citys“ 

Erschienen in ,DIE FURCHE‘ 46/2013

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© Iwan Baan

© Iwan Baan

Es hätte eines der aufregendsten und teuersten Architekturprojekte des Landes werden sollen. Ein 190 Meter hoher Büroturm, mitten in Caracas, Venezuela. Heute ist es ein Squatting-Projekt im wahrscheinlich höchsten, besetzten Gebäude der Welt. Der Begriff ‚Squatting‘ bedeutet das kreative Besetzen von aufgegebenen Orten.

Die Geschichte ist lang, ein Bankier namens David Brillembourg hatte den Bürokomplex mit zwölfstöckiger Hochgarage und Veranstaltungshalle von dem Architekten Enrique Gómez planen lassen. Er war der Besitzer der Metropolitano Bank und die geriet Anfang der neunziger Jahre in den Strudel einer nationalen Finanzkrise. 1993 starb Brillembourg und hinterließ ein Kreditinstitut, das ein Jahr später pleite ging. Und eben ebenfalls hinterließ er eine halb fertige Bauruine, die man in Caracas seither spöttisch „Torre de David“ nennen. Das Gebäude wurde von einem staatlichen Bankenfond übernommen und die Stadtplanung unter der damaligen Regierung des mittlerweile verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez überlegte neue Nutzungen. Doch dann überholte sie die Realität: Im Oktober 2007 besetzten Menschen das Betongerippe. Mittlerweile leben in ihm über 2.500 Bewohner, die auf der Suche nach leistbarem Wohnraum in der Acht-Millionenstadt Caracas hier fündig wurden. Für mehr als 750 Familien ist es so etwas wie ein Zuhause geworden. Das ist ein wirklich realsozialistisches Experiment, von dem Chávez nur träumen konnte. Verputzte Fassaden gibt es keine, Balkongeländer fehlen ebenso wie Zwischenwände in manchen Geschossen. Überall Glasscherben, Betonteile und Baumaterial. Bis zum 28. Stockwerk haben sich die Hochhaus-Invasoren mittlerweile vorgearbeitet. Ganz oben - über dem 45. Stock - verstaubt ein Hubschrauberlandeplatz. Bis zum 28. Stockwerk fahren Kinder mit ihren Dreirädern, dort, wo es keine Handläufe oder Geländer gibt. Eine Halle fungiert als Fußballplatz, notdürftig mit Netzen gesichert. Etliche Bereiche sind mit Wireless Internet ausgestattet. Die Bewohner haben in ihren Wohnungen die fehlenden Wände und Brüstungen in Eigenregie hochgezogen. Die Ziegel und das Material dafür haben sie zu Fuß hinaufgetragen, denn Lifte gibt es nicht. Im Torre David existieren neben Wohnungen auch improvisierte Arztpraxen, Geschäfte, Lokale und Fitnessstudios. Wasser wird über Tanks und Pumpen eingeleitet und auch Strom haben sich die Bewohner im Laufe der Jahre mit einfachsten Mitteln selbst organisiert. Am Anfang lief die Energieversorgung eher an den öffentlichen Stellen vorbei, es wurde illegal abgezapft. Dann, als langsam eine Organisationsstruktur in dem Gebäude einkehrte, wurden alle ausständigen Rechnungen für den Strom, vom Kollektiv an die Stadtverwaltung (nach)bezahlt. Das geschäftige Treiben im Torre David wird von den Behörden und der Polizei geduldet, von Architekturexperten beobachtet und analysiert. Mehr als ein Jahr lang haben die Mitglieder des internationalen Kollektivs „Urban-think Tank“ die physische und soziale Organisation dieser Squatter-Gemeinschaft untersucht. Das Leben in dem unfertigen Gebäude ist durchaus gefährlich. Nicht nur fehlende Geländer und Absturzsicherungen sondern auch alltägliche Gewalt, Prostitution und Drogenhandel waren Probleme. Mittlerweile hat sich eine Art Sicherheitsdienst gebildet, der gegen alle ‚asozialen‘ Aktivitäten vorgeht und für Ruhe und Ordnung sorgt. Das Ziel von U-TT ist es, Wege zu finden, wie dieser Turm noch funktionaler und bewohnbarer gemacht werden kann, sagt der gebürtige Salzburger Hubert Klumpner, der gemeinsam mit Alfredo Brillembourg (Großneffe des Bankiers und Investors David Brillembourg) „Urban-think Tank“ leitet. Er ist Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich und widmet sich seit Jahren städtebaulichen und architektonischen Projekten in Armenvierteln. Auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig erhielt „Urban-think Tank“ für die Installation „Torre David/Gran Horizonte“ den Goldenen Löwen für das beste Projekt im Rahmen der „Common Ground“-Ausstellung. Im Arsenale hatte das Kollektiv ein improvisiertes, venezolanisches Restaurant installiert. An den Wänden hingen Fotos vom Turm, auf den Tischen lagen Infomaterialien. Es war ein sozialer Raum, der jenem der Bewohner des Torre David ähnelte. In den sozialen Strukturen, die sich in solchen Projekten aufbauen und selbst organisieren, liegt ein großes Potenzial für die Zukunft unserer Städte. Man ist aufeinander angewiesen, die fehlende Infrastruktur wird durch Menschlichkeit ersetzt. Die westliche Gesellschaft kann von den, in diesen vertikalen Slums gefundenen Lösungsansätzen durchaus lernen, vielleicht sogar profitieren. Weltweit gibt es einige dieser besetzten Wolkenkratzer: In Johannesburg, Bangkok oder Mumbai sind Projekte, bei denen sich die Armen in funktionslos gewordenen Wolkenkratzern eingenistet haben, untersucht worden. Laut Klumpner geht es auch darum, „unsere teuren und hochgezüchteten Technologien, die nicht unbedingt nachhaltig sind, kritisch zu hinterfragen“. Weltweit befassen sich mehrere Initiativen mit sogenannten ‚bottom up‘ Projekten. Teilweise wollen sie Leben in verkrustete Strukturen bringen - also realpolitisch agieren und teilweise entwickeln sie aus dem Erkennen des Versagens der traditionellen Stadtplanung - hauptsächlich in den rasant wachsenden lateinamerikanischen Ländern - theoretische Konzepte. Im Gegensatz zum Torre David wird jedoch bei den theoretischen Ansätzen meistens wieder auf Neubau und Superlative und Technik gesetzt, statt im Sinne von Nachhaltigkeit das Vorhandene als Ressource zu nutzen. Man kann nur hoffen, dass sich irgendwann die Stadtplaner und Architekten dazu durchringen, von solchen Initiativen zu lernen, statt ‚smart citys‘ zu entwerfen und zu bauen.

William Knaack