GEBAUTE SPIRITUALITÄT

DIE KIRCHE - welch ein Ort!

Erschienen im kunstStoff Nr.18 / November 2014

pdf

 

Eine Kirche heute zu entwerfen, bedeutet nicht nur den ästhetischen Aspekt und die offensichtlich religiöse Symbolik wie den Kirchturm zu berücksichtigen. Eine Kirche muss auch die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen die sie benutzen werden, berücksichtigen. Sie soll ein lebendiger, vitaler Ausdruck des Glaubens sein. „Das Höchste, was die Schöpfung sich wünschen kann, ist heiliger Name zu werden. Damit gibt sie ihr eigenes Geschaffensein an den Vater zurück. Denn zuerst nannte ja Gott jedes Geschöpf bei seinem Namen. Aus den Abgrund des Nichtseins rief er es in das Sein, und indem es nun da ist, beantwortet es seine Berufung.“ Diese Zeilen schrieb der berühmte, deutsche Kirchenarchitekt Rudolf Schwarz (1897 - 1961) während seiner Kriegsgefangenschaft in Frankreich. 

 

Schwarz - dem man mit Recht die ‚Befreiung des Sakralbaus aus den Fesseln des Historismus‘ zuschreiben kann - errichtete an die 40 Kirchen in Deutschland (auch einige in Österreich). In der niederösterreichischen Architekturszene gibt es nun keine derart (in der Zahl ihrer Produktionen) herausragenden Persönlichkeiten wie Rudolf Schwarz, aber doch einige, bei denen man die von ihm postulierte Verinnerlichung und Transzendenz im ‚Raumschaffen‘ erkennen kann. Bleiben wir zuerst bei den evangelischen Kirchen. Bis zur Jahrtausendwende gab es eigentlich keine wirklich auffallende Bautätigkeit bei den Evangelischen, nach dem Krieg beschränkte man sich architektonisch auf das Notwendigste: das Dach über dem Kopf der Gläubigen. Wenn gebaut wurde - und gebaut wurde viel, denn die Zahl der Evangelischen ist von 1900 an relativ stark angewachsen - dann eher im Stil eines Feuerwehrhauses, künstlerische Gestaltung passierte nur zufällig. Auffällt jedoch, dass es auf der evangelischen Seite in den letzten zehn Jahren wesentlich ‚modernere‘ Bauten gibt, als auf der katholischen. Seit ungefähr 2000 besteht bei den Evangelischen die dezidierte Haltung, dass - wenn eine Kirche gebaut wird - sie auch eine Verkündigung sein muss, sie die Menschen ansprechen soll. Deshalb werden, im Fall von architektonischen Realisierungen, auch Spitzenkräfte für die Architektur und die künstlerischen Arbeiten im Inneren gesucht. Drei Bauten der zeitgenössischen evangelischen Sakralarchitektur sollen hier unter den Neubauten in NÖ erwähnt werden - alle drei sind in den Jahren 1995 bis 2011 entstanden: die Kirche in Klosterneuburg von Architekt Heinz Tesar, die Kirche in Waidhofen/Thaya von mag. arch. Efthymios Warlamis und die Kirche in Hainburg/Donau von Architekt Wolf D. Prix. In allen drei Beispielen ist der Einfluss von Rudolf Schwarz unverkennbar: Bei Klosterneuburg und Waidhofen ist die Grundrissform eindeutig losgelöst von jeglicher historisierender Analogie, in Hainburg ist es die dekonstruktivistische Form, die sich dem - einen Vergleich suchenden Auge - verweigert. Das Licht, also die Verbindung zwischen Himmel und Erde, ist in diesen Architekturen ein prägendes Element. In Klosterneuburg ergibt sich im Altarbild des Künstler Hubert Scheibl eine bemerkenswerte Interaktion mit einem ‚Lichtloch‘ in der Kirchenwand. Interessant ist auch, dass bei den 3 Projekten immer auch die Architekten für die Gestaltung, der für die evangelische Liturgie wichtigen Objekte - Taufbecken, Ambo und/oder Altar - verantwortlich waren. Viele dieser Leistungen wurden von ihnen kostenlos für die Finanzierung der Kirche erbracht. Bis zur großen Wirtschaftskrise waren das Gustav-Adolf-Werk (e.V.) aus Deutschland und der Lutherische Weltbund (LWB) in der Schweiz die Hauptsponsoren für evangelische Kirchenbauten. Zusätzlich haben die Gemeinden auch durch Sammlungen, Aktionen, Flohmärkte etc., sowie auch private Sponsoren jeweils einen Teil beigetragen. Nach 2000 musste das Finanzierungsmodell geändert werden. Das Land hat nun in dieser Zeit immer stärker die Bereitschaft gezeigt, auch einen kulturellen Auftrag beim Kirchenbau wahrnehmen zu wollen. Man kann heute von einem Drittel der Förderung durch die öffentliche Hand, einem Drittel durch große Sponsoren wie Banken und einem Drittel Eigenleistung der Gemeinden ausgehen. Wenn man nun den katholischen Kirchenbau in NÖ nach 1945 untersucht, muss man in die Zeit vor dem 2. Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) und in die Zeit danach unterscheiden. Denn das 2. Vatikanische Konzil brachte wesentliche Erneuerungen in der Liturgie und hat damit auch Einfluss auf die Gestaltung der Innenräume und deren Ausschmückung. Der vorkonziliarische Kirchenbau in NÖ ist traditionell, konservativ geprägt, meistens sind es Wegkirchen. In der nachkonziliarischen Zeit tauchen mehrere, von durchaus namhaften Architekten entworfene Kirchen auf: die Pfarrkirche in Persenbeug von Josef Patzelt, die Filialkirche Pax Christi in Harland von Johann Kräftner, die Pfarrkirchen in Neu Guntramsdorf von Bruno Tinhofer und in Wöllersdorf von Carl Auböck, die Pfarrkirche in Zwölfaxing von Clemens Holzmeister und die Pfarrkirche Böhlerwerk von Rainer Bergmann - all diese Bauten entstanden jedoch bis zum Ende der 80er Jahre. In der Zeit danach wird der Reigen der architektonischen Ereignisse eher dünn. Wenn ein neues Siedlungsgebiet entsteht und damit Bedarf für eine Kirche, wird eine neue Pfarre - die einen eigenständige Rechtsperson ist - gegründet. Für deren Finanzierung ist dann die Diözese verantwortlich. Das geschieht über die Kirchenbeiträge und auch über Grundverkäufe der Diözese. Die Glocken werden gerne von Sponsoren finanziert, jedoch sonst hält sich die Wirtschaft und Industrie mit namhaften Beträgen, bedauerlicherweise eher zurück. Kriterien für die äußere Form eines Sakralbaus gibt es auf katholischer Seite nicht, das ist dem jeweiligen Architekten überlassen. Deshalb sind die o. e. Bauten auch durchwegs vom Stil der klassischen Moderne geprägt. Bei der Frage nach theologischen Richtlinien für die Gestaltung von Kirchenräumen orientiert man sich in NÖ an den Regeln der Diözese Wien. Im Bezug auf Neubauten verhält sich die katholische Kirche momentan - bedingt durch die Krisen der heutigen Zeit - eher passiv. Jedoch künstlerische Ausgestaltungen, seien es Renovierungen oder Erneuerungen im Innenbereich werden, zumindest bei größeren und wesentlichen Projekten - ausschließlich über Wettbewerbe realisiert. Der diözesane Kunstrat sucht in diesem Fall in- und ausländische Künstler, die eingeladen werden, Arbeiten zu dem Thema zu liefern. Und das bringt durchaus sehenswerte Ergebnisse, denn der wahre Künstler schafft Dinge, die Transzendentes in sich bergen und zum Nachdenken führen. In jeder Kultur gehören Sakralbauten zu den anspruchsvollsten Aufgaben der Architektur. Die Verbindung von Ästhetik und Spiritualität macht sie zu Gebäuden von gesellschaftlicher Relevanz. Kirchen sind materialisierter Glaube, mit Worten nicht fassbare Orte der Hoffnung und des Trostes. Denn nicht Gott braucht ein Haus auf dieser Welt, sondern wir brauchen es, um zu ihm zu gelangen. Einen Raum der Zuflucht, der Geborgenheit, einen Raum für das Gespräch mit ihm.

 

 

 

 

William Knaack